Milliarden kleiner bunter Punkte strahlten am tiefschwarzen Nachhimmel. Wie ein sanft schwingendes Band zog sich die Milchstraße über das Firmament. Voller Sehnsucht blickte Sophia hoch zum Himmelszelt und träumte sich fort in wundersame Welten. Jetzt, in den Sommerferien durfte sie manchmal bis nach Mitternacht wach bleiben. Die Sterne, Planeten und fremden Welten waren ihre große Leidenschaft.
Sie besaß ein Teleskop und neun Bücher über Astronomie, so heißt die Kunde von den Sternen. Heute hatte sie sich ein ganz besonderes Ziel für ihre nächtlichen Beobachtungen gesetzt. Der Jupiter, der größte Planet unseres Sonnensystems, war in dieser klaren Nacht schon mit bloßem Auge sichtbar. Mit dem Teleskop aber konnte sie sogar die charakteristischen Gürtel auf der Oberfläche des Gasriesen erkennen.
Hell und klar strahlte der Jupiter durch die Linsen. Sie stellte das Teleskop noch ein wenig schärfer und hielt den Atem an. Die Gürtel wirkten heute irgendwie… anders. Sie pulsierten leicht, als würden sie leben. Sophia runzelte die Stirn. So hatte sie sie noch nie gesehen – und sie hatte den Jupiter schon unzählige Male beobachtet. Plötzlich zuckte ein Lichtblitz durch das Sichtfeld, ein winziger Punkt, der sich mit unglaublicher Geschwindigkeit bewegte. War das ein Meteorit? Oder vielleicht ein Raumschiff?
Ihr Herz schlug schneller. Sie notierte die Uhrzeit, so wie sie es immer tat, wenn sie etwas Besonderes sah: 00:17 Uhr. Dann passierte etwas, das sie völlig aus dem Konzept brachte. Der Jupiter begann, sich zu verändern. Nicht nur seine Form, auch seine Farbe wandelte sich. Erst erschien er in einem dunklen Rot, dann wurde er leuchtend orange und schließlich gleißend weiß.
Und dann… flackerte ihr Teleskopbild kurz, wie bei einem schlechten Fernsehempfang. Als es sich wieder stabilisierte, konnte Sophia ihren Augen nicht trauen. Auf der Oberfläche des Jupiter schwebte etwas – eine geometrisch perfekte, leuchtende Struktur, fast wie eine Pyramide, aber aus Licht geformt. Sie starrte fassungslos durch das Okular.
War sie die Erste, die das sah? War das überhaupt real?
Ein leises Klicken ließ sie zusammenzucken – ihr Laptop hatte sich automatisch aus dem Ruhemodus reaktiviert. Auf dem Bildschirm erschien eine Nachricht. Kein Absender, keine Betreffzeile. Nur ein Satz:
„Du hast uns gefunden, Sophia.“
Mit einem Knall klappte Sophia den Laptop zusammen. Jetzt bekam sie wirklich Angst. Ihr wurde heiß und kalt. Schweiß stand ihr auf der Stirn. Zitternd schloss sie ihr großes Zimmerfenster und kroch unter ihre Bettdecke. Was war da gerade passiert? Hatte ihr dieses Ding wirklich geschrieben? „Jetzt mal ganz ruhig, Sophia“, sprach sie sich selbst ins Gewissen. „Da hat dir wahrscheinlich gerade irgendeine Freundin eine dumme Nachricht geschrieben, wahrscheinlich wieder die blöde Emma.“ Aber was hatte sie auf der Jupiteroberfläche gesehen? Oder vielmehr nicht auf der Jupiteroberfläche, sondern im Sichtfeld des Jupiters. Wenn es wirklich ein Raumschiff gewesen ist, müsste es näher sein, viel näher. Denn der Jupiter ist der größte Planet unseres Sonnensystems. Mit fast 143.000 Kilometern ist sein Durchmesser elf mal so groß wie der der Erde. Zudem ist er auf seinem langen Weg um die Sonne zwischen knapp 600 Millionen und fast einer Milliarde Kilometer von der Erde entfernt. Ein Raumschiff von auch nur annähernd dieser Größe ist also absolut unwahrscheinlich. Also eine optische Täuschung? Ein Wolkenfetzen? Ein Satellit? Das klingt alles unplausibel, fand sie.
Doch bevor sie weiter grübeln konnte, flackerte ihr Laptop erneut auf – obwohl er längst zugeklappt war. Diesmal leuchtete der Bildschirm durch den schmalen Spalt am Gehäuserand, wie ein glühendes Auge im Dunkel. Sophia zögerte, dann schob sie die Bettdecke beiseite, trat vorsichtig zum Schreibtisch und öffnete den Laptop.
Die Nachricht war verschwunden. Stattdessen zeigte der Bildschirm eine Sternenkarte – aber keine, die sie kannte. Die Konstellationen waren fremd, die Linien zwischen den Sternen bildeten geometrische Muster, als wäre jemand absichtlich dabei gewesen, etwas zu schreiben oder zu zeichnen.
In der rechten unteren Ecke pulsierte ein Symbol: ein kleines Dreieck mit einem Punkt in der Mitte. Als Sophia den Cursor bewegte, glitt er wie von selbst dorthin. Sie hielt den Atem an und klickte.
Plötzlich wurde alles schwarz. Und dann:
Ein Geräusch, tief und vibrierend, fast wie ein ferner Gong, durchzog das Zimmer. Ein Licht erfüllte den Bildschirm – und Sophia stand nicht mehr in ihrem Zimmer.
Sie befand sich in einem gläsernen Korridor, schwebend irgendwo im All. Unter und über ihr wölbte sich die Unendlichkeit, durchsetzt mit Sternen, Nebeln und jenen geheimnisvollen Farben, die man nur durch große Weltraumteleskope sieht.
Eine Stimme ertönte. Nicht laut, nicht leise – sondern direkt in ihrem Kopf.
„Du siehst mit offenen Augen. Deshalb konnten wir dich erreichen.“
Sophia drehte sich um. Es war niemand zu sehen.
„Wer seid ihr?“, flüsterte sie.
„Frag nicht, wer wir sind. Frag dich, warum du bereit bist.“
„Bereit wofür?“
„Für die Geheimnisse der Unendlichkeit.“
Der Korridor vor ihr begann zu leuchten. Schritte – oder eher Lichtimpulse – bewegten sich darin, dann hinter ihr und um sie herum.
„Sophia“, sagte die Stimme. „Du hast uns gesehen. Und nun wirst du entscheiden: Zurück zu den Sternen oder zurück in dein Bett.“
Und wie aus dem Nichts lag sie plötzlich wieder in ihrem Bett. Es war früher Morgen. Die Sonne ging gerade auf. Sophia fühlte sich wunderbar ausgeruht, als hätte sie die ganze Nacht durchgeschlafen.
„Es war nur ein Traum“ dachte sie etwas wehmütig.
Sie stand auf und suchte ihre Aufzeichnungen, konnte sie jedoch nicht finden. „Ein Traum“, wiederholte sie. Doch dann erregte etwas anderes ihre Aufmerksamkeit. Auf ihrem Schreibtisch lag etwas, das vorher nicht da gewesen war: eine kleine, kristallklare Kugel, die von innen heraus pulsierte.
Die Reise hatte gerade erst begonnen.
